Schule bleibt gemein

Von Junge Linke

"Bildung für alle" heißt das Bildungsprogramm der Bundesregierung und bedeutet, dass besser ausgebildetes Personal für die nationale Wirtschaft bereitgestellt werden soll. Bildung war noch nie der Zweck dieses Schulwesens. Sie ist Mittel zur Ausbildung von tauglichen SchülerInnen für die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Dass es nicht in erster Linie darum geht, dass Menschen in diesem Schulwesen etwas vernünftiges wie rechnen, schreiben, lesen lernen, deutet sich schon mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1839 in Preußen an. Die wurde auf Betreiben des Generalstabs der preußischen Armee eingeführt und diente zum Schutz der Kinder vor der Kinderarbeit. Der Schulpflicht hatte der preußische König allerdings nicht zugestimmt, weil ihm die armen Kinder leid taten. Der preußischen Armee ging das Menschenmaterial aus, da diese Kinder totgearbeitet wurden. Auch die Arbeits- und Reproduk-tionskraft zukünftiger Generationen von FabrikarbeiterInnen war mit dem Tod dieser Kinder in Gefahr. Sie sollten noch eine Weile vor dem Sachzwang der Armut, arbeiten gehen zu müssen, verwahrt werden, bis sie in der Lage waren, die Arbeit besser zu überstehen und dabei dem Vaterland als Mörder noch dienstbar sein zu können. Im Vordergrund stand damals nicht die Wissensvermittlung. Damit diese Kinder taugliches Material für den Arbeitsmarkt abgaben, mussten ihnen ersteinmal bestimmte Sekundärtugenden beigebogen werden, wie Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin und die Unterdrückung eigener Bedürfnisse. Diese Aufgabe übernahm die Schule, da diese Tugenden zu Beginn der Industrialisierung nicht selbstverständlich waren.
Als vernünftig werden diese Tugenden heute angepriesen und den SchülerInnen weiter anerzogen. Eine Disziplin aber, die den Disziplinierten zwingt, seinen Blasendrang bis zum Ende der Schulstunde zurück zu halten, ist kein Stück vernünftig. Spätestens in der Schule lernen SchülerInnen die fremde Verfügungsgewalt über ihre Lebenszeit durch andere zu akzeptieren, was für das spätere Berufsleben enorm wichtig ist. Die Disziplinierung fängt mit dem Zwang, pünktlich zu sein, an und äußert sich in solchen Absurditäten, dass SchülerInnen, die krank waren, sich entschuldigen müssen, also den Beweis antreten sollen, dass sie wirklich nicht da sein konnten. Es muß ihnen Leid tun, dass sie für andere nicht verfügbar waren. Dahinter steckt die Botschaft: "Deine Zeit gehört nicht dir!" Ohne dies wäre das Umschalten der Aufmerksamkeit im 45 oder 90- Minuten-Takt zu anderen vorgegebenen Themen gar nicht machbar. Zusätzlich lernen SchülerInnen das Leben und Arbeiten in Zwangskollektiven wie Klassengemeinschaften, mit denen sie sich identifizieren sollen. Nebenbei bekommen sie vermittelt, dass sie die Umstände, unter denen sie leben und arbeiten müssen, nicht aussuchen können. Sie haben diese als natürlich oder gottgegeben zu akzeptieren. Durch den negativen Vergleich mit anderen politischen Systemen, die immer blöder sind als unser System, lernen sie, dass sie in der besten aller möglichen Welten leben. Sie werden zu StaatsbürgerInnen erzogen, die bestenfalls konstruktive Kritik üben dürfen, aber niemals die Abschaffung des ganzen Ladens fordern sollen.

Die Wissensvermittlung hat mittlerweile an Bedeutung zugenommen, weil eine kompliziertere Wirtschaft, mit komplizierteren Berufen, besser gebildete und qualifizierte Leute auf dem Arbeitsmarkt nachfragt. Doch sie ist noch lange nicht Zweck der Schule. SchülerInnen lernen Dinge zu tun, von denen sie nicht wissen, wozu sie gut sein sollen. Sie lernen eine Aufgabe zu erfüllen, ohne lange nach dem Wieso oder Warum zu fragen. Lernen wird dabei zu Leistung, zu Arbeit pro Zeit. Gute SchülerInnen lernen möglichst viel in möglichst wenig Zeit. Der Inhalt ist dabei total egal. Wer bei einer Arbeit, bzw. Klausur etwas nicht gewusst hat, kriegt eine Sechs und nicht etwa den fraglichen Sachverhalt noch einmal erklärt. Ausgeglichen werden kann die Schlappe nur beim nächsten Thema. Das prägt: Sie wissen, dass ohne Druck nichts läuft und verinnerlichen den Zwang zum Lernen. Fällt die überwachende Autorität über die SchülerInnen weg, wissen sie diesen Freiraum sofort für etwas anderes zu nutzen, bloß nicht zum Lernen.

Durch Selektion werden SchülerInnen in gute und weniger gute sortiert. Diese Vorsortierung ihrer Lebenschancen funktioniert auf Grundlage einer negativen Auslese: Wer Abitur macht, hat die Chance - Chance heißt immer nur Möglichkeit und nie Sicherheit - studieren zu können, und dadurch die Chance auf einen besser bezahlten Job. Größere Chancen als Real- und HauptschülerInnen, die diese Möglichkeiten im Regelfall nicht haben. Haupt- und RealschülerInnen begeben sich meist gleich auf den Arbeitsmarkt, auf dem sie zum Bedienungspersonal der nationalen Wirtschaft ausgebildet werden. Auf die Chance, einen besser bezahlten Job zu ergattern, können sich die GymnasiastInnen aber ein Ei pellen: Jede Ingenieurin, jeder Zahnarzt, selbst wenn sie vergleichsweise gut bezahlt werden, sie sind genauso wenig wie alle anderen ArbeitnehmerInnen von der Abhängigkeit vom Lohn befreit. Auch sie müssen jeden Tag arbeiten, und das eine ganze Weile ihres Lebens, um ihr Leben zu finanzieren, oder um überhaupt leben zu können. Das gesamte Lebensglück von Menschen ist an den Lohn geknüpft, daran, ob sie überhaupt welchen kriegen und wenn, wieviel sie bekommen.

Eine Bildungsreform wird immer wieder gebraucht, weil die technischen Anforderungen an die zukünftigen ArbeitnehmerInnen steigen. So wird heute die Fähigkeit, einen Computer bedienen zu können, auf dem Arbeitsmarkt häufig nachgefragt, oder Unternehmen erwarten, dass die BerufsanfängerInnen eigenständig denken und in Gruppen arbeiten können. Ein Schulwesen, das solch kompetenten Nachwuchs liefert, wird von PolitikerInnen Standortvorteil genannt, und das ist, was die Bundesregierung mit ihrer Bildungsreform will.
Das Ziel der neuen Bildungsreform "bestmögliche Bildung für alle" heißt besser qualifizierte SchülerInnen für ein erfolgreicheres Deutschland auszubilden, mit dem ganzen Zwang und der ganzen Gewalt die in der Schule dazu nötig sind. Die Lerninhalte der Bildung in der Schule sind Basisqualifikationen, die SchülerInnen in ihrem späteren (Berufs-) Leben gebrauchen werden. Selbst denen, die als Mangelware im Laufe des Schullebens aussortiert werden, wird versucht, etwas beizubringen. In der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung heißt es: "Wir werden die Benachteiligungsprogramme bedarfs- und zielgerecht weiterentwickeln, damit auch lernschwächere junge Menschen die Chance auf eine qualifizierte Berufsausbildung und damit auf eine berufliche Zukunft erhalten." Diese Sonderbehandlung der Lernschwachen ist die Bewahrung des Scheins der Chancengleichheit. In Wirklichkeit werden sie durchgestrichen und auf der Sonderschule verwahrt, bis sie in die Armut entlassen werden. Wenn sie Glück haben, kann ein Arbeitgeber etwas mit ihnen Anfangen. Darauf setzen können sie nicht. Die Ausnahmen von den Gescheiterten, die gelegentlich vorgeführt werden, weil sie es ohne Schulabschluß trotzdem in einen Job geschafft haben, sind Propaganda für das Lohn-system, das immer Verlierer auswirft, und das auch deswegen abgeschafft gehört.

Das dreigliedrige Schulsystem ist eine Möglichkeit der Menschensortierung, die Gesamtschule eine andere. Sie soll die brutale Selektion des dreigliedrigen Systems weder abschaffen, noch abmildern, sie führt sie nur anders aus. Schulen einer Klassengesellschaft sind sie alle. Die Schule schafft die gesellschaftliche Hierarchie auch nicht, sie exekutiert sie und sortiert vor, wer welche Chancen hat. Daher geht es uns nicht darum, die Schule abzuschaffen, zu verbessern, oder sie zu demokratisieren. Wir wollen eine Gesellschaft abschaffen, die durch Gewalt Menschen in Institutionen wie dieses Schulwesen zwingt und ihr Lebensglück von der Form des Lohnes abhängig macht.

Als PDF unter:
www.junge-linke.org/printpdf/schule-bleibt-gemein