Lernen unter dem Diktat der Note

Dass man fürs Lernen Noten bekommt, hält fast jeder für selbstverständlich und
unverzichtbar, von der Schule kennt man es schließlich nicht anders. Dabei ist es andererseits
auch jedem geläufig, dass – außerhalb der Schule – alles Mögliche gelernt wird, ohne dass es
dafür Noten braucht. Da lernen Leute Fahrrad fahren, Computerspiele, ein Musikinstrument
oder eine Sprache, alles ganz ohne Benotung. Vielleicht ist mancher, der dabei mal nicht
weiter weiß, für einen sachlichen Rat empfänglich, aber nach einer Zensur hat er garantiert
keinen Bedarf. Wenn man nämlich mal ganz unbefangen von der Tätigkeit des Lernens
ausgeht, ist das Benoten eher abwegig, überhaupt nicht selbstverständlich.

1. Note zeigt Leistung – wie das?

Jeder weiß, dass im Unterricht ein bestimmtes Thema nicht dann beendet ist, wenn alle
Schüler es verstanden haben und die entsprechenden Kenntnisse oder Fähigkeiten besitzen, Es
steht nämlich über den Lehrplan schon vorher fest, wie viel Zeit zur Verfügung steht.
Unabhängig davon, welche Lücken und Verständnisschwierigkeiten der einzelne Schüler am
Ende dieser Zeit noch hat, wird zum nächsten Thema übergegangen. Dass viele es noch nicht
können, ist kein erlaubter Einwand, im Gegenteil: Das ist der ganz normale und von allen
akzeptierte Fortgang von schulischem Unterricht.
Zeit wird also in der Schule zu einem Maßstab des Lernens gemacht. Das geht so: Ein Lehrer
fragt den Lernstoff der letzten Etappe ab, in einem schriftlichen oder mündlichen Test. Was
der einzelne Schüler davon kann und was ihm fehlt, wird damit offen gelegt. Nun aber stellt
sich heraus, dass das im Fortgang des Unterrichts nicht interessiert, jedenfalls nicht so, dass es
ihm auf die Behebung der Wissensdefizite ankäme. Der Lehrer veranstaltet Tests, um anhand
den persönlichen Leistungsstand des Schülers zu erheben und mit dem der Mitschüler zu
vergleichen. Genau diesem Zweck entspricht auch die Vorgehensweise beim Testen. Die Zeit
ist dabei grundsätzlich knapp bemessen. Das zeigt schon einmal, dass es nicht darum geht,
den Schülern alles, was sie wissen, zu entlocken. Und da Schnelligkeit kein Gütekriterium für
Lernen ist – weder bei der Wissensaufnahme noch beim Wiedergeben des Gelernten -, sind
diese Testmethoden verräterisch: Sie zeigen, allgemein gesagt, dass die Schule beim Testen
nicht einfach Lernfortschritte feststellt, sondern mittels dieser an den Schülern Unterschiede
festmacht. Die knappe Testzeit ist ebenso wie die Begrenzung der Lernzeit ein gezielt
eingesetztes Mittel, um leistungsstarke und –schwache Schüler zu scheiden. Niemand
erwartet denn auch, dass nach der Benotung die Wissenslücken gefüllt werden. Und niemand
wundert sich, wenn die stressigen Testbedingungen die Unterschiede sogar noch deutlicher
zeigen als sonst.
Um diese Unterschiede herzustellen, übersetzt der Lehrer alle nachgewiesenen Lernerfolge in
Bewertungseinheiten oder Fehlermengen, die er in seinem Noten- oder Punkteschlüssel
ausdrücken kann. In diesem Kontostand jedes Schülers sind die Inhalte und Besonderheiten
des Themas schon herausgekürzt, ebenso seine individuellen Wissenslücken oder Irrtümer.
Das ist nur konsequent, denn vom Standpunkt des Vergleichens geben die vorhandenen
Wissensunterschiede nichts her: Was soll man daraus schließen, dass Schüler P. prima rechnen
kann, während Schülerin G. sich oft verrechnet, dafür aber die Geometrie gut beherrscht,
während Schüler M. wieder etwas anderes kann etc.? Die Note ist die abstrakte
Zusammenfassung dieser Vergleicherei. Einer „Zwei“ oder „Vier“ sieht man weder an, durch
welche Kenntnisse sie erworben wurde, noch, welche Kenntnisse fehlen.

2. Die Produktion von Unterschieden – mit System

Mit der Note wird also der Schlussstrich unter die letzte Lernetappe gezogen. Die Zeitvorgabe
trifft gerechterweise alle Schüler, aber eben nicht gleich. Nicht zufällig stellt sich heraus: In
derselben Zeit haben die einen mehr, die anderen weniger gelernt, und darauf kommt es nur in
einer Hinsicht an: Mit der Fixierung in der Note wird nicht nur ein Urteil über die
Lernleistung, über das Lernen pro Zeiteinheit, ausgesprochen. Mit der Note schreibt die
Schule jedem Schüler die Eigenschaft zu, dass er gerade so viel oder so wenig lern- und
leistungsfähig ist.
Wo Wissensunterschiede für solche „Beweise“ interessant sind, ist es kein Zufall und keine
Panne, wenn die Unterschiede sich im Laufe der Zeit immer wieder bestätigen und vertiefen.
Es mag paradox klingen, aber das ist sogar das notwendige Ergebnis der Gleichbehandlung
aller Schüler. Schon in der ersten Klasse sind die Schüler bekanntlich keineswegs gleich in
ihrem Vorwissen, und sie lernen nicht in demselben Tempo. Wenn alle Lernprozesse genau
dann abgebrochen werden, wenn gerade mal die schnellsten Schüler das Ziel erreicht haben,
dann trifft das natürlich die Langsameren, also die, die sich sowieso mit dem Stoff mehr
herumschlagen oder länger über manches nachdenken. Auf jeden Fall trifft es die, die nicht so
schnell kapieren, nicht so viel behalten, keine Hilfen von zu Hause bekommen, die
Hausaufgaben nicht hinkriegen und dementsprechend keine Lust dazu haben. Diese Schüler
werden abgehängt oder sehen mindestens diese Gefahr laufend vor sich. Und da sie dieselben
Chancen bekommen haben wie die Besseren, sind sich die pädagogischen Menschenkenner
darin einig, dass das ganz klar an den Schülern, ihrer mangelnden Begabung oder ihrer
Faulheit, liegt.
Die entscheidenden Unterschiede im Wissen und Können werden also in der Schule
hergestellt und verfestigen sich allmählich. Die individuelle Serie von Noten, die jeder
Schüler im Laufe eines Schuljahrs einkassiert, wird in jedem Schulfach zu einer
Gesamtfähigkeit bilanziert. Die Klassenbesten kristallisieren sich heraus und besetzen die
oberen Notenplätze. Diese Tatsache steht für den Beweis, dass die Lernziele im Prinzip
erreichbar waren. Ein paar völlige „Versager“ kommen auf der anderen Seite auch immer
heraus; die Mehrheit landet im Mittelfeld bei denen, die noch Chancen haben oder jedenfalls
nicht hoffnungslos schlecht sind.
Lehrer wissen, wie diese ‚ausgewogene’ Welt der Selektion herzustellen ist. Auch junge
Lehrer kriegen immer schnell heraus, wie sie die Abweichungen von ihrer
„Antworterwartung“ in sechs oder fünfzehn Stufen einteilen, wie man Klassenarbeiten und
Benotungsvorgaben so konstruiert, dass eine Noten-Hierarchie herauskommt, am besten mit
dem Schnitt 3,3. Wenn aus Versehen alle Schüler bestehen, dann war der Test „zu leicht“! Das
Umgekehrte darf allerdings auch nicht vorkommen, zu viele „Fünfer“ und „Sechser“. Um
diese angeblich natürliche Verteilung der Begabungen auch wirklich im Test zu ermitteln,
muss diese Abstraktion selbst noch einmal einer Zahlenkosmetik unterzogen werden. Wenn
die Ergebnisse mal nicht so ausgewogen aussehen, verzichtet ein Lehrer auf die sonst
klassenüblichen Leistungserwartungen und manipuliert seinen Notenschlüssel. Da ist man
Realist, wenn das Klassenniveau nicht mehr hergibt. Die statistische Kurve, die dabei
herauskommt, heißt „Gaußsche Normalverteilung“ und bietet eine erstklassige mathematische
Beglaubigung, dass der Unterricht und die Prüfung „normal“ und in Ordnung waren.

3. Wie Bildung zum Ausschluss von Bildung führt

So albern solche Verteilungsschablonen erscheinen mögen, so ernst sind ihre Folgen. Denn
bekanntlich lernen wir „fürs Leben“, und an diesem dummen Spruch ist leider das wahr, dass
man die Konsequenzen der Leistungsmessung, also der relativen Lernerfolge und
Misserfolge, das ganze Leben lang zu spüren bekommt.
Je länger ein „schlechter“ Schüler die Schule besucht, umso kleiner wird sein
relativer Anteil am Schulwissen. Aus den Fachnoten, die immerhin noch etwas
über die relativen Wissensvorsprünge oder –defizite in den einzelnen Fächern
verraten, wird eine Durchschnittsnote errechnet. Mit der wird die Position des Schülers in der
Klassenhierarchie so richtig nackt und abstrakt ausgedrückt. Und die ist dann die Grundlage
für die Entscheidung, ob er auf eine weiterführende Schule gehen darf oder ob alles, was das
Hauptschulniveau übersteigt, als aussichtslose Verschwendung gilt.
Es werden also ziemlich verhängnisvolle Schlussfolgerungen an die Note geknüpft. – „Aha,
dein Durchschnitt ist 3,2? Na ja, was du kannst, können viele, und einige können es besser.
Wenn du dich nicht reinhängst, wirst du abgehängt …“. So etwas kriegt man zu hören und
merkt, dass ein unterer Platz in der Hierarchie nicht nur das Wohlwollen von Eltern und
Lehrern kostet, sondern den Schulabgänger auch von sehr vielen und vor allem den besser
bezahlten und bequemeren Stellen ausschließt. Nur die Inhaber von Noten im oberen Bereich
sind weiterer Bildung in einer Realschule, einem Gymnasium, einer Hochschule würdig.
Doch auch die Erfolgreichen sollten sich nicht zu viel einbilden. Laut Zeugnis erfüllen diese
Schüler die Anforderungen der Schule und können glaubwürdig machen, dass sie auch die
Anforderungen der Stelle erfüllen, für die sie sich mal bewerben wollen. Mehr als eine
Voraussetzung ist der Schulabschluss aber nicht. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt folgt
anderen Gesetzen. Außerdem sollten die „guten“ Schüler sich nicht einbilden, dass sie mit
ihren Noten erstklassige geistige Fähigkeiten nachgewiesen hätten. Von dem Intelligenz-
Beweis, den die Schule da herausfiltert, ist nämlich nicht viel zu halten, siehe unsere Kritiken
am Schulstoff.

4. Der dazu passende Lernstoff

Jedes Fach hat seine Inhalte. Dieses Fachwissen ist nicht von sich aus schon Schulstoff. Nicht
nur Auswahl, sondern auch einiges an Herrichtung ist nötig, damit der Stoff als Material der
Auslese tauglich ist und Dokumente der Leistungsmessung liefert, vom Aufsatz über den
Multiple-Choice-Test und die Mathe-Aufgabe bis hin zur sportlichen Leistungsmessung.
Oben wurde schon gezeigt, dass die Schule ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Lernstoff
hat: Einerseits verfolgt sie das Ziel, die Schüler mit einem bestimmten Wissen auszustatten.
Dazu werden Richtlinien entworfen und Schulbücher verfasst. An denen zeigt sich aber
schon, wohin es führt, wenn das Wissen als Selektionsinstrument benutzt wird. Der Lernstoff
weist nämlich in der Art der Auswahl und der Präsentation deutliche Spuren dieser Benutzung
auf. Als Außenstehender könnte man noch wohlwollend annehmen, dass der Lernstoff der
Fächer sowieso stark reduziert werden muss und – je nach Menge der Schulstunden –
immerhin das Maximum an Fachwissen bereitstellt. An dem Glauben müsste man aber
spätestens irrewerden, wenn der schulpolitische Beschluss fällt, ein „G8-Gymnasium“
einzurichten, ohne Rücksicht auf Stoffverlust und unvermeidliche Verständnisprobleme der
Schüler. Aber auch ohne das bietet schon jedes Fach Beispiele für den Schaden, den der
Schulstoff anrichtet. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass das Fach Mathe den meisten als
besonders schwieriges Fach erscheint. Die Themen, die das Schulfach an Stoff aus der
Mathematik herauszieht, bauen zwar aufeinander auf, können also auch nicht unabhängig
voneinander verstanden werden. Wenn aber allgemeines Verstehen sowieso nicht der Zweck
ist, schreitet der Unterricht auch dann fort, wenn nur einige wenige die Sache begriffen haben.
Lehrer wie Schulbücher rechnen damit, dass die meisten Schüler sich mit dem halb oder gar
nicht verstandenen Stoff herumquälen und denken sich allerhand Rezepte aus: formale Regeln
für die Handhabung von Zahlen, Gleichungen oder Funktionen. Mit solchen Empfehlungen
kommt dann ein etwas größerer Teil der Schüler trotz Nichtkapieren notenmäßig noch über
die Runden. Es ist also kein Wunder, dass das Fach Mathe immer wieder einmal als
„Schreckensfach“ durch die Presse geht, damit wieder mehr auf die Gauß’sche
Normalverteilung geachtet wird.
Im Schulbuch ist der Stoff nicht nur für die vorgesehenen Lernphasen zugeschnitten, sondern
er wird schon auf die anstehende Testerei hin organisiert. Damit das arme Schülerhirn nicht
mit „zu viel Sachwissen“ belastet wird, darf es „exemplarisch lernen“ und sich die
erwünschten Verallgemeinerungen im Schnellverfahren reinziehen. Dafür gibt es die schülerund
prüfungsgerechte Aufbereitung des Wissens als Lernstoff. Als didaktisch gelungen gelten
solche Lehrbücher und Lehrtexte, die den zu lernenden Inhalt gleich so präsentieren, dass der
Teststoff gut erkennbar enthalten ist. Das erleichtert den Lehrern das Prüfen und ermöglicht
den gewitzten Schülern, sich mit den erklärenden oder weiterführenden Inhalten nur so weit
zu befassen, wie sie prüfungsrelevant sind. Je mehr das auch gleich zum Auswendiglernen
präpariert ist, umso mehr bekommt das Lernen etwas von einem begriffslosen Dressurakt. Da
wird das Kapieren eines Sachverhalts – wenn überhaupt gefragt – sehr nebensächlich, denn
wenn die empfohlenen Gesichtspunkte der Bewertung und evtl. Problematisierung im
Schulbuch freundlicherweise vorformuliert sind, dann erscheint jedes weitere Nachdenken
über die Sache als zeitraubend und eigentlich überflüssig.
So gut wie alle Schüler wissen die prüfungsgerechte Aufbereitung des Stoffes zu schätzen und
fordern sie dringend ein, z.B. wenn der Lehrer einfach mal etwas erklärt, was nicht genau
dem Fettgedruckten im Arbeitsblatt entspricht. Ein Interesse, sich mit der Sache auszukennen
und etwas Vernünftiges über sie sagen zu können, kommt bei diesem Standpunkt meist erst
gar nicht auf. Wenn doch einmal ein Schüler eine Sache begreifen will, wenn er vielleicht
ketzerische Fragen aufwirft wie die, ob denn bestimmte Behauptungen überhaupt wahr sind,
oder warum etwas so ist, oder wenn er gar den „Werten“, für die der Stoff „exemplarisch“
sein soll, misstraut, dann machen ihm seine Lehrer meist schnell klar, dass so etwas das
„Vorwärtskommen im Stoff“ stört. So erzeugen die Bildungsanstalten der Nation eine Haltung
gewohnheitsmäßiger geistiger Anspruchslosigkeit.

5. Die dazu passende Schüler-Persönlichkeit

Vom ersten Schuljahr an wird jeder in dieser Gesellschaft daran gewöhnt, dass die Schule
etwas anderes vorhat, als Interesse und Neugier zu befriedigen und das vorhandene Wissen an
die nächste Generation weiterzugeben. Kinder meinen in den ersten Schuljahren oft noch,
dass sie in der Schule spannende und wichtige Dinge lernen könnten. Der Umgang mit
Wissen und die Zensuren zeigen ihnen aber bald, wie nebensächlich die Lerninhalte für sich
genommen sind. So verschwindet das Interesse am Wissen allmählich. Gleichzeitig soll man
sich den Schulerfolg zum Ziel setzen. So entwickelt der normale Schüler ganz nebenbei
Charaktereigenschaften, die nicht nur in der Schule gefragt sind: Fast schon mit den ersten
Wissensbrocken lernt er das Betrügen, weil er merkt, dass es nicht auf das Wissen, sondern
auf die Noten ankommt. Und dafür nützt es oft schon etwas, wenn der Lehrer nur glaubt, dass
der Schüler sich auskennt. Also fragt er besser nicht nach, wenn er mal was nicht kapiert hat.
Er gibt Wissenslücken nicht preis, was im Sinne seines Lernfortschritts wäre, sondern
kaschiert sie. Er spickt, schreibt ab, und er wird ziemlich findig darin, mit welchen Methoden
er sich als guter Schüler in Szene setzen kann. Ob er nun Wissen nur vortäuscht oder mal
wirklich etwas weiß, in jedem Fall setzt er Wissen als Instrument seines Erfolgs ein und kehrt
dafür die von der Schule festgestellten und hergestellten Unterschiede bei passender
Gelegenheit gegen die anderen heraus. Für diese Profilierung lernt er allerhand Methoden,
wie man die Lehrer für sich einnehmen kann. Zum Beispiel gewöhnt sich ein guter Schüler
das „Aufpassen“ an, d.h. er demonstriert geistige Präsenz, sobald der Lehrer den Unterricht
beginnt. Denn ihm wird klar: Auch wenn die Schule ihn zur Gleichgültigkeit gegen die
Lerninhalte erzieht, ist das überhaupt nicht so gemeint, dass er alles nur pflichtgemäß zur
Kenntnis zu nehmen braucht oder gar Langeweile heraushängen lassen darf. Lehrer, die sich
über die Interessen von Schülern nur dann Gedanken machen, wenn sie einen „Motivations“-
Kitzel brauchen, ahnen zumindest, dass so eine Funktionalisierung einen ziemlichen
Killereffekt hat für die paar Schülerinteressen an Fachinhalten, in Physik oder an Sprachen
oder was auch immer. Genau deswegen schätzen und belohnen die Lehrer diejenigen Schüler
(z.B. mit guten „mündlichen Noten“), die, wie es im Lehrerdeutsch so schön verräterisch
heißt, „Interesse zeigen“, sprich heucheln. Für diese moralisch-ideologischen Neben-
Lektionen des Unterrichts gibt es im Zeugnis inzwischen auch wieder Noten, die
„Kopfnoten“.
Zwar werden manchmal die Schüler, die die oben genannten Anpassungsleistungen gar zu
deutlich an den Tag legen, als „Streber“ beschimpft. Insgesamt setzt sich aber die „Einsicht“
durch, dass man sich beim Lernen wie beim Renommieren ins Zeug legen und den
Schulerfolg sichtbar anstreben muss.

6. Einbildungen über Noten: Talent, Leistung und Gerechtigkeit

Dass die Noten das A und O der schulischen Laufbahn sind, weiß jeder. Und doch will kaum
einer sich zu den dann fälligen nüchternen Befunden über das Lernen in der Schule
durchringen. Stattdessen kursieren diverse idealistische Meinungen darüber, die verkehrt sind,
ganz egal, ob sie als gute oder schlechte Meinung von der Schule daherkommen, z.B.:
● Lehrer finden die Noten grundsätzlich gut wegen ihrer „Rückmeldefunktion“ für die
Schüler und Eltern. Damit meinen sie nicht die Rückmeldung über tatsächliches
Wissen, sondern die regelmäßige Einordnung in die Klassenhierarchie, die Position
des einzelnen in der Schulkonkurrenz. Ohne diese Bewertung würde kein Schüler sich
für das angebotene Wissen interessieren und anstrengen, da sind sie sich ganz sicher.
Eine andere Art von Lernerfolg kennen sie anscheinend gar nicht, einen
vernünftigeren Umgang mit Wissen als den schulischen können sie sich nicht
vorstellen.
● Das gilt auch für die Lehrer, die sich über die „geringe Aussagekraft“ der Noten
beklagen. Sie wollen nicht nur den aktuellen Leistungsstand, sondern auch noch die
„Entwicklungsmöglichkeiten“ ihrer lieben Schüler abschätzen. Gern wollen sich diese
Lehrer an der fälligen Scheidung von Elite, Mittelfeld und Ausschuss beteiligen – aber
könnte man mit den Fähigkeitsdiagnosen nicht etwas vorsichtiger sein und diesem und
jenem Schüler mehr Zeit geben? Wäre das Endergebnis der Selektion dann nicht
gerechter und einsichtiger? Solche Bedenken werden gern mit Rücksichtnahme
verwechselt. Tatsächlich streiten sich hier sachverständige Pädagogen über die beste
Methode der Auslese aus dem Schülermaterial, unter dem Gesichtspunkt, dass
möglichst ein paar mehr in die obere Abteilung der Konkurrenz aufsteigen. Schließlich
hat die Regierung vorgegeben, dass 40 % eines Jahrgangs an die Unis sollen!
● Andere Lehrer schimpfen gelegentlich auf die Noten wegen ihrer „demotivierenden“
Folgen, d.h. sie zerbrechen sich den Kopf, wie man die Schüler, die in der Konkurrenz
zurückgefallen sind, wieder zum Streben bringen kann. Außerdem fürchten sie um den
Klassenfrieden, wenn es so weit kommt, dass „schlechte“ Schüler vollständig
abgeschrieben werden. Wenn die sich dann als Störer betätigen, wirken schlechte
Noten nicht mehr als Bestrafung. Mit einer Schulkritik ist diese Besorgnis eigentlich
nicht zu verwechseln, auch wenn diese Lehrer sich gern als kritische Pädagogen
bezeichnen (lassen).
● Schüler – und gelegentlich ihre Eltern – beklagen sich über fehlende „Objektivität“.
Dabei ignorieren sie schlicht, wie schulische Objektivität zustande kommt: Gerade
durch den permanenten Vergleich wird sie dem individuellen Leistungsstand gerecht,
nicht durch absolut festgesetzte Maßstäbe. Natürlich hängen dann alle Noten auch
immer davon ab, wie viel die Klassenkameraden mehr oder weniger gelernt haben.
Wenn eine bestimmte Schülerarbeit im Vergleich mit einer anderen Klasse anders
bewertet wird, dann ist das logisch und überhaupt nicht „zu subjektiv“, gerade so
kommt Gerechtigkeit zustande! Im Übrigen ist es nicht im Sinne der Schule, dass ein
Schüler schlecht behandelt oder benachteiligt wird, bloß weil der Lehrer ihn nicht mag
oder weil er Ausländerkind ist. Die Instrumente der Auslese sind ganz sachlich
wirksam und sollen nicht durch Willkür verfälscht werden! Wer mit seinen
Ergebnissen unzufrieden ist, macht also einen Fehler, wenn er auf objektiven
Vergleich pocht, denn genau der bringt beständig Sieger und Verlierer, Könner und
Versager hervor!
● Wenn immer ein relevanter Teil jeder Schulklasse die Lernziele nicht erreicht, dann
haben die Lehrer genau diese Verteilung – nicht erzeugt, sondern nur zutage gefördert.
Deshalb beschleicht unsere Selektionsbeamten kaum je das unangenehme Gefühl, dass
sie mit ihrer Arbeit junge Menschen von Bildung ausschließen; bzw. wenn sie das tun,
dann nur in dem „realistischen“ Glauben, dass die Gaußsche Kurve der natürlich
gegebenen Fähigkeitsverteilung in der Menschheit entspricht. Und wenn sie die
Schüler auf die verschiedenen Schularten verteilen, dann meinen sie, das sei nur zum
Besten dieser Schüler. Die Unterschiede, die sie herstellen, interpretieren sie als
Ausdruck der jedem innewohnenden höchsteigenen Fähigkeiten.
Warum ist also das Benotetwerden jedem so selbstverständlich? Weil das Benoten und
Vergleichen ein so wesentlicher Zweck der Lernanstalt Schule ist, dass alle Bildungsinhalte
zum Material dafür werden. Mit dem Ergebnis dieser Selektion entlassen die Schulen den
Nachwuchs in die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Diesen normalen Gang des Ein- und
Aussortierens verziert die Schule ganz gern mit dem (Selbst-)Lob, dass sie die
„Bildungsreserven“ der Nation erfolgreich nutzt und alle vorhandenen Fähigkeiten fördert.
Auch und gerade die, die nur für die unteren Berufsetagen in Frage kommen oder sogar zum
Ausschuss gehören, sollen also zufrieden sein: Sie müssen nur glauben, dass dieses Ergebnis
ihren Natur-„Anlagen“ entspricht, dass es bei ihnen zu mehr nicht gereicht hat.

Link zur PDF:
http://gsv-bremen.de/texte/Lernen_unter_dem_Diktat_der_Note_-_Freerk_Huisken.pdf